Die grossflächige Blauthermik

Traumflug – Flight detail XContest 2015

paul starkl

Obwohl ich beim Deltafliegen schon viele schöne, eindrucksvolle und auch überraschende Erlebnisse hatte, war der Flug vom 12. Mai 2015 doch sehr aussergewöhnlich. Von der Flugwetterprognose her waren an diesem Dienstag keine „grossen Sprünge“ zu erwarten.
Aufgrund der Westwindlage entschlossen wir uns, Jean Daniel, ein Freund aus der Vorgleitschirmzeit und ich, ins Greyerzerland zu fahren. Am Startplatz oberhalb von Grandvillard erwarteten uns dann aber alles andere als ideale Verhältnisse.
Der Wind kam mehr oder weniger von hinten links, am Himmel zeigte sich kein einziges Cumuli, stattdessen dichte Zirrenfelder. Von Thermik war wenig bis nichts zu spüren.

Doch plötzlich, nach mehr als einer Stunde Warten, so gegen 3 Uhr, konnnten sich zwei Gleitschirme nicht nur halten, sondern machten ziemlich schnell Höhe. Auch der Wind hatte gedreht und kam nun auf der Rampe von vorne. Also nichts wie los!
Nach dem Start ging es nur in eine Richtung, nach oben. In knapp 20 Minuten befand ich mich auf 2600 m/M über dem Vanil Noir und etwas später, der Krete Richtung Südwesten folgend, in der Gegend von Montbovon. Der Südwestwind nahm stetig zu und die Zirren am Himmel wurden dichter. Da entschloss ich mich umzukehren.
Ueber der Merlas hat ich noch gut Kretenhöhe. So flog ich bis zum Dent de Broc und, weil ich die Höhe halten konnte, weiter Richtung Nordwesten. Ueber Broc begann das Vario plötzlich intensiv zu piepsen. Ich drehte ein und es ging in der turbulenzfreien, breiten Thermik mit bis zu 2,5 m/s Steigen konstant nach oben. Von einer Cumuluswolke war weit und breit nichts zu sehen. Dafür war der Himmel mit dichten Zirren überzogen. Ich glaubte zu träumen und genoss das Gefühl, so einfach und entspannt nach oben getragen zu werden!
Gleichzeitig wurde ich durch den Südwestwind, mittlerweile gegen 40 km/h, Richtung La Berra versetzt. Mein Höhenmesser hatte gerade die 2800 m Marke erreicht da erkannte ich die Chance nach Hause zu fliegen, immerhin noch gute 40 km bis Muntelier.
Gerne hätte ich meinen komfortablen Aufwind weiter genutzt, nur schon um zu erfahren bis auf welche Höhe mich diese Traumthermik getragen hätte. Um auf keinen Fall kontrollierten Luftraum zu verletzten brach ich mein Steigen ab und nahm Kurs Richtung Fribourg. Mit voll gespanntem Flügel kam ich zügig voran, zeitweise mit einer Grundgeschwindigkeit bis zu 100 km/h und Gleitzahl 35, einfach super!
Etwas östlich von Marly, mitlerweile auf nur noch 1900 m/M, hatte ich auf einmal wieder Steigen, einen halben Meter etwa, aber konstant. Vielleicht ist das ja die von Raphael vielgerühmte Stadtthermik von Fribourg? Und tatsächlich das Steigen nahm noch leicht zu und ich brauchte ja wieder Höhe um mein Ziel sicher zu erreichen. Statt einzudrehen und nicht noch mehr Richtung Osten abgetrieben zu werden erhöhte ich den Aufkreuzwinkel und flog nun fast Kurs West. Die Geschwindigkeit über Grund veringerte sich auf zwischen 10 und 20 km/h und dies bei konstantem Steigen. Während 20 min liess ich mich in der aufsteigenden, ruhigen Luftmasse einfach langsam nach Norden treiben. Kurz vor Düdingen und fast 400 m höher kam dann fast überraschend die Frage auf: was nun? Landung in Muntelier oder ausgleiten ins Grosse Moos soweit es reicht. Da ich doch ziemlich hoch und mit einem guten Gleitwinkel unterwegs war entschloss ich mich für die Variante Grosses Moos. Ich erhoffte mir dabei auch mehr und bessere Landemöglichkeiten als in Muntelier.
Obwohl mein 40 km-Gleitflug, ohne einen einzigen Kreis notabene, noch weiter gereicht hätte, begann ich nach Kerzers einen geeigneten Landeplatz zu suchen. Dabei musste ich feststellen, dass dies um diese Jahreszeit ziemlich schwierig ist. Gemüse, Getreide- und sonstwie bebaute Felder soweit das Auge reicht. Nach längerem Suchen fand ich eine gemähte Wiese entlang der Bahnlinie bei Fräschels. Beim Anflug und der Landung wurde es das erste Mal in diesem Flug richtig sportlich, eigentlich logisch, bei 40 km/h Südwestwind!
Wie war dieser Flug überhaupt möglich, bei einer Wetterlage, die auf den ersten Blick eigentlich gar nichts versprach?
Daniela Schmuki von SRF Meteo konnte mir die kompetente Erklärung liefern: Im Verlaufe des späteren Nachmittag des 12. Mai erreichte eine Kaltfront von Norden her die Schweiz. Da die Luftmasse sehr trocken war konnten sich ausser den Zirrenfeldern in grosser Höhe keine Wolken bilden. Die Kaltfront war also nicht sichtbar, was in Mitteleuropa nur sehr selten vorkommt. In der zunehmend labilen Luft entwickelte sich grossflächige Blauthermik. Unter gütiger Mithilfe des aufkommenden Südwestwindes und einer guten „Linie“ war die Wetterkonstellation somit optimal den Kanton Freiburg von Süd bis Nord mit dem Delta zu durchfliegen.

Autor: Paul Starkl